Aus meiner Sicht ist der Anarchimus nicht einmal im Rahmen von einer Grossfamilie zu leben.
Dass anarchische Kleingruppen, auch wenn ein paar Hundert Menschen dabei sind, funktionieren können ist völlig unbestritten.
Mit der Burg Lutter, die mir im Ansatz bekannt war, ist eine Kommune gemeint,
die sich anarchisch bezeichnet. Jedoch viel eher einem religiösen Klosterleben gleicht,
sei dies nun katholisch oder buddisthisch oder eben anarchisch. Eine kleine Gruppe
von Menschen, die sich umgeben von Wohlstand und kapitalistischen Strukturen
einige Pralinen ausgelesen hat, selbstverwirklicht zu leben. Eine von einer
zumindest gedachten Mauer umgebende Sozialgemeinschaft.Wie du bei der Burg Lutter auf religiöses Klosterleben kommst ist mir schleierhaft?
Ich würde sagen, auf den dort stattfindenden Festen, bei denen auch mal Künstler dabei sind, geht es eher dionysisch zu . Auch wenn die „Pralinen“ nicht im dekadenten Umfang vorhanden sind und öfter auch mal harte Arbeit angesagt ist, lebt man dort im allgemeinen recht lebensfroh und freizügig.
Es gab in der Nähe von Schaffhausen das Wohnexperiment Wasterkingen. Hier wurde
zusätzlich auch versucht, die traditionellen Zweierbeziehungen aufzubrechen. Kunst
und Genuss im Leben waren die Devisen, Sexualität war und musste zwischen allen Beteiligten
möglich sein. Kinder wurden den Müttern zugeordnet, bewusst verzichtet zu forschen,
wer der Vater sein könnte.
Das Experiment ist sowas von gescheitert, leider. Es haben sich in dieser offenen Gesellschaft,
die bewusst von Allen gewollt worden ist, sofort Beziehungen angebahnt, zwischen Männlein
und Weiblein. Ganz banal: Es ist einfach schöner mit der XY im Bett zu liegen und ihren Körper
zu geniessen wie mit ZA. Ob das Experiment nur am Sex gescheitert ist, wage ich zu bezweifeln. Aber die Lust auf Besitz, auf Alleinanspruch der Menschen gegenseitig, ist offenbar so gross, dass die besten Vorsätze nicht ausgereicht haben, Anspruchshaltungen zu verhindern.Einer nicht unerheblichen Anzahl von gescheiterten Gemeinschaftsprojekten, steht immerhin eine ganze Reihe gelungener gegenüber. So z.B. das ZEGG, das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung, in dem u.v.a. die „Freie Liebe“ ausprobiert wird. Freie Liebe heißt dort nicht Rudelbummsen oder verantwortungsloses „jeder mit jeden“. Es geht vielmehr darum, heraus zu finden wie Liebesbeziehungen ohne Besitzansprüche und frei von Angst gelebt werden können. Ohne Angst vor Verlust, vor Verletzungen, vor Versagen etc. Dort gibt es sogar eine Liebesakademie mit sinnlichen spielerischen Begegnungen, intimen Vorträgen, und mit Gesprächsrunden zu Themen wie z. B.: "Loblied auf die Impotenz - die Kunst des Nicht-Tuns in der Sexualität " und "Was ist die Basis für dauerhaftes Liebesglück ?" In der seit über zwanzig Jahren bestehenden Gemeinschaft mit über 100 Leute, leben übrigens auch Menschen die unterschiedlichsten Künsten nachgehen. Dieses Jahr wurde im Jahrestraining Kunst, die Veranstaltung „Malen ist Lieben“ angeboten.
Dass anarchische Kleingruppen, auch wenn ein paar Hundert Menschen dabei sind, funktionieren können ist völlig unbestritten. Die Problematik ist ganz anders. Wir sind eine Erde mit 7 Milliarden Menschen. Von denen nicht alle philosophisch ausgebildet sind - und diesem
Wissen auch nachleben. Wir strukturieren wir so viele Menschen, die zumeist mit Gier nach
Geld, Macht und Liebe ausgestaltet sind - dass auch die Schwächeren ein bisschen leben
können - und nicht reinster Darwinismus ausbricht. Anarchisch? Ja! Aber da habe ich
noch nie auch nur ein Ansatz von Theorie gelesen, der ein bisschen überzeugt hätte.
Das ist die Antwort, die zu suchen ist.Da hast du vollkommen recht! Es gibt unter den anarchistischen nicht wenige Modelle die favorisiert werden. Gute Chancen auf Massenkompatibilität hätten vielleicht der Anarchosyndikalismus oder der von Murray Bookchin begründete libertäre Kommunalismus:
http://andreaskemper2.wordpress.com/art ... ot3ts-391/ Ich selbst kann mir gut vorstellen, dass das letztgenannte recht Erfolgreich sein könnte.
Zum Schluss noch mein anarchistisches Lieblingsgedicht:
Anarchie braucht keine HosenträgerAnarchie braucht keine Hosenträger Krawattennadeln
oder Wahrheiten die sich in warme Socken verwandeln
kaum daß die Sprache in ihnen Fuß gefaßt hat Anarchie
braucht keine Moral keine Tapete des Denkens keine
Objektivität diese Lebensversicherung des Alltags die
unter den Achseln juckt sie braucht keine Parteien jene
Lutschbonbons aus dem Regal für Sonderangebote
Anarchie braucht keine Religion oder Schiedsrichter
Wegweiser Lehrstühle
Anarchie ist Leben
Anarchie ist Leben Anarchie ist keine 4-Zimmer-
Wohnung und sie ist auch kein Swimming-Pool kein
Vorgarten keine Schönheit kein Hauptgewinn sie ist
auch keine Sitzhaltung Anarchie ist kein Fahrstuhl Da
ist kein Knopf dran um sie zu regeln oder abzustellen
Anarchie ist keine Methode keine Filteranlage kein
Mikroskop unter dem sich das Leben seziert Sie ist
auch kein Fahrschein kein Urlaubsziel keine Zeitreise
Sie ist keine Psychologie keine Therapie kein Fußball
Anarchie ist Lebensraum
Anarchie ist Lebensraum Sie ist die Leerstelle zwischen
zwei Worten in die das Denken taucht Sie ist der Anfang
vom Anfang oder der Aufsprung einer inneren Katze
gegen die Wirklichkeit Sie fährt ihre Krallen aus gegen
das verbeamtete Deutschland Sie ist ein Aufstand der
Leidenschaft gegen die Fahrpläne der Bildung in denen
der Staat die Auswahl der Gedanken normiert Anarchie
ist die Karambolage auf den Straßen der Gelehrsamkeit
eine Katastrophe in den SchabIonen der Interpretation
Anarchie ist sinnliche Praxis Ein Bluterguß am Kopf
der Normalität Anarchie ist Bewegung
Anarchie ist Bewegung freies Spiel der Gedanken
Revolte der Poesie gegen das lineare Denken
Zuversicht die hinter den Ohren flutscht oder eine
Seifenkiste in der die Sprache die Hügel der
Kriegsgräber hinabfährt Anarchie spuckt auf das
Heldentum freiwilliger Selbstunterwerfung unter die
Herrschaft und auf die Prophezeiungen der Politik Sie
speit auf den Nationalgedanken in dessen Namen der
innere Soldat ins äußere Regiment umschlägt Nein
Anarchie stößt die Palette um auf der sich
Nationalfarben in Gesinnungen verwandeln
Anarchie küßt sich frei
Anarchie küßt sich frei durch die Holzwege der
Tagesschau auf denen sich die euro-nationale
Masthaltung der Wähler zur Meinungsbildung
objektiviert Anarchie holt die Nachrichtenkutscher vom
Kutschbock der Wahlstatistik herunter Anarchie
verknotet die Fernsehkanäle zu Geschenkschleifen
und zieht den Stecker raus Anarchie bindet Wahrheiten
zu Blumensträußen und lacht an gegen Werbemacher
Wahlforscher und Strategen denen ihr aus Fangquoten
destillierter Zeitgeist abrutscht und als Kronkorken in
die Auffangschalen der Lottoziehung fällt Anarchie
braucht keine Ersatzmittel Steigbügelhalter des Daseins
Stützmieder oder Körperkorsetts Hosenträger
Anarchie braucht keine Hosenträger keinen Tragegurt
der irgendwelche zu Legislaturperioden zusammengewebten
Versprechen als kurzbeinige Hosentracht
am Bierbauch der Konventionen festhält Nein Anarchie
löst die Halterungen der Wirklichkeit und läßt sie zu
Boden fallen Anarchie verwandelt Konventionen in
Stangenlakritz – Anarchie: wie Wind der durch die
Hosen fährt oder ein Schlag auf die lichtbespannten
Trommeln der Vorstädte gegen den Rhythmus der
Ampelanlagen vor denen der blondierte Alltag seine
Gewohnheiten zum Blindflug formiert
Ralf Burnicki