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 Betreff des Beitrags: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: Mo 17 Okt, 2011 22:30 
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Ich habe ein paar Tage Hamburg besucht und bin dabei auf die Sprühereien von OZ aufmerksam gemacht worden, der für seine Aktivitäten schon acht Jahre im Knast verbringen musste. Meine Freunde in der Hansestadt sind mehrheitlich der Meinung, dass es sich dabei um Kunstwerke handelt. Obwohl ich ein Mensch bin, der, was Kunst anbelangt, eigentlich äußerst aufgeschlossen ist, tue ich mich in diesem Fall schwer. Ein Problem ist für mich dabei, dass ich die allermeisten Sprühereien von OZ, gelinde gesagt, für belanglos halte und sie überdies wegen ihrer Omnipräsens als belästigend empfinde.
Vielleicht bin ich ja gar nicht so tolerant, wie ich bisher immer von mir gedacht habe? Vielleicht berücksichtige ich einfach nicht, dass es sich hier um „Streetart“ handelt, die in einer Großstadt wie Hamburg nun mal dazu gehört? Was ich allerdings wirklich nicht nachvollziehen kann, ist, dass jemand für diese Aktivitäten eingesperrt wird.

Mich würde interessieren, was Kunstfreunde die, wie ich, eher etwas bürgerlicher eingestellt sind, als meine Hamburger Freunde, über OZ und seine (Kunst?) Werke denken?. Einen interessanten Artikel dazu habe ich im Spiegel gefunden: http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 65,00.html


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 Betreff des Beitrags: Re: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: Di 18 Okt, 2011 03:20 
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Der Reiz dieser Sprayerkunst ist das Verborgen-Verbotene.
Hier der Link zum Zürcher Sprayer Haral Nägeli , den ich einmal in Winterthur
persönlich an einem showevent persönlich kennen gelernt habe.

http://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Naegeli

Wobei lustig ist, dass Willy Brnadt, der ehemalige deutsche Bundeskanzler
sich für diesen Mann, dass er nicht ins Gefängnis müsste, eingesetzt hat.
Es ist offenbar so, dass es einfacher ist, auf Nachbarn zu zeigen, wie selbst
vor der Türe zu kehren.

An der kunsthistorischen Fakultät Zürich wird die Sprayerszene seit ungefähr 1970
beobachtet und die Entwicklung dokumentiert. Es sind einzelne Künstler auf Grund
immer wieder kehrender Typologien in den Kunstwerken "bekannt", deren bürgerliche
Name jedoch verborgen bleibt.

Die andere Sicht ist, dass vor allem die stark farbigen Autolacke die Fassadenoberflächen
angreifen. Vor allem alte Verputze leiden darunter. Beim reinigen der Kunstwerke
können erhebliche Kosten entstehen - sofern man das reinigen des Kunstwerkes
als unnötiger Investition sieht, kommen wir juristisch dem Tatbestand der Sachbeschädigung
nahe, allenfalls auch Hausfriedensbruch. Das gibt dann halt einfach eine Strafe.

Viele der Sprayer haben Leute im Umfeld, die dann platt und ungekonnt einfach Wände
beklecksen. Ohne Idee und ohne Ziel. Harald Nägeli hatte seine Strichfiguren, die auch
nicht wirklich Kunst sind, zumeist feinsinnig an die jeweils urbanen Orte gespritzt, zum Beispiel
zwei Bauteile mit den Händen der Strichmännchen verbunden.
Oft sind das Problem nicht die wirklich als Künstler arbeitenden Sprayer - sondern die
platten Nachahmer. Die dann von politischen Slogans bis zu einfach wilder Farblust
alles an die Wände "werfen".

Also zusammen gefasst:
Ein Teil der Reiz dieser "Kultur" ist das Verbotene. Wäre es nicht verboten, würde niemand
diese Bilder betrachten. Somit kann man die Gefahr der Bestrafung als das Elixier ansehen,
die diese Kunst erst ermöglicht.

Heiner

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 Betreff des Beitrags: Re: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: Di 18 Okt, 2011 18:06 
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Danke für deine interessante Antwort.
Ja, den Nägeli kenne ich natürlich auch, nur war er längst nicht so präsent wie der OZ in HH, dessen massenhafte gleiche Zeichen man wirklich in fast jeder Ecke der Stadt sehen kann. Wird Kunst, wenn es denn welche ist, nicht dadurch entwertet, dass sie einem praktisch aufgezwungen wird?


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 Betreff des Beitrags: Re: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: Fr 21 Okt, 2011 11:36 
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Artfunkel hat geschrieben:
Wird Kunst, wenn es denn welche ist, nicht dadurch entwertet, dass sie einem praktisch aufgezwungen wird?


Hm, habe ein paar Tage darüber nachgedacht. Die Frage so simpel sie klingt, so komplex ist sie.
Es gab Zeiten, viele Zeiten, wo mit Kunst die Erhabenheit von Gott (in Europa) gezeigt hat.
Die Klöster und die Herrscherhäuser haben die Kunst monopolisiert. Das gemeinde Volk konnte
am Sonntag in der Kirche einen Blick auf diese Kunst werden.

Nach wie vor sind die Kleriker wie die Herrscher massgebend an der Entwicklung und Förderung
beteiligt. Natürlich auch an der Zensur. Anders als früher will oder muss sich das gemeine Volk
sich mit der Kunst auseinander setzen. Nach Ansicht vieler Künstler tun sie das nicht - viele
Künstler haben auch das Gefühl, verkannt zu werden. Um Aufmerksamkeit zu erhaschen beginnen
einige Künstler mehr Happenings wie "klassische" Kunst zu machen. Sie verprayen schöne Fassaden
mit historischen Verputzen, finden: Wir haben unser Anliegen vor das Volk gebracht. Und erzielt
wird nicht selten Abscheu und Unverständnis - seitens der Pflichtbetrachter. Die Reaktion der
Pflichbetrachter: Das ist verboten! Führt dann zu Strafanzeigen und Strafen . .
Abscheu und Unverständnis - seitens der Künstler.

Was Kunst ist und warum ist kaum im aktuellen Kontext zu bestimmen. Ein Abstand von 30 Jahren
gilt in der Architekturgeschichte die minimale Dauer, um die Nachhaltigkeit und Wertigkeit eines
Entwurfs und deren Realisierung zu prüfen.

Das heisst, wir wissen noch gar nicht, ob wir Meisterwerke ohne Ende von Baumalern und
Strassenkehrern zerstören lassen - quasi das Feuer der Kunstzensur . . .

Heiner

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 Betreff des Beitrags: Re: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: So 23 Okt, 2011 18:51 
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Hallo ihr beiden,

ich würde mich nicht gerade als Spießbürger bezeichnen, doch die "Werke" von OZ alias Walter Josef F. empfinde ich 1. als nicht ästhetisch und 2. nicht als Kunst. Die Frage "Was ist Kunst?" haben wir hier im Forum schon öfters diskutiert. Eine allgemeingültige Definition wird es hierfür wohl nie geben. Wie Heiner auch schon angemerkt hat, spielt der zeitliche Aspekt eine Rolle. Was haben die Menschen vor 500 Jahren als Kunst betrachtet? Und wie werden sie es in der Zukunft sehen?

Mit meiner Begründung, warum ich die Kritzeleien von OZ nicht als Kunst betrachte, bewege ich mich auf dünnen Eis:

1. Zu erst einmal sieht sich OZ selbst nicht als Künstler. Zumindest habe ich bisher keine Aussage von ihm gefunden, die auch nur in die Richtung deutet. Gegenargument: Wäre ein Rembrandt heute wertlos, wenn sich Rembrandt nicht Künstler genannt hätte?

2. Den "Werken" von OZ fehlen meiner Meinung nach die "Schöpfungshöhe". Denn zwei Druckbuchstaben auf eine Hauswand sprayen, zumeist einfarbig, ohne Strukturen, Effekte oder sonstigen Variationen - das ist für mich keine Kunst. Nun schreien wahrscheinlich die Minimalisten auf, für die eine rote Linie in einem weißen Raum auch Kunst sein kann! Doch ich bleibe dabei, die Kritzeleien von OZ wirken "wie mal eben hingekritzelt". Wäre das Kunst, so wäre jede Unterschrift auf einem Behördenpapier Kunst.

3. Kunst ist für mich etwas konstruktives, erschaffendes. OZs "Werke" sind für mich in den meisten Fällen jedoch als destruktiv einzuschätzen. In einem grauen S-Bahn-Tunnel mag ein OZ-Kürzel ja noch eine Unterbrechung der Tristheit sein, ein lebendiges Stadtbild kann OZ hingegen auf "Bronx"-Niveau degradieren ("Bronx" soll hier nur eine Metapher sein ;-) ).

Dennoch stimme ich Artfunkel in dem Punkt zu, dass ich die langjährigen Gefängnisstrafen von OZ als nicht gerechtfertigt empfinde, sondern extrem unverhältnismäßig.

Liebe Grüße

Tobias

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Seit Juni 2011 neuer Betreiber des Kunstclubs. Ich helfe euch bei Fragen gerne weiter.


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 Betreff des Beitrags: Re: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: Fr 28 Okt, 2011 22:02 
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Hallo Tobias, schön dass du dich auch eingeschaltet hast.

Jetzt muss ich aber doch mal den Advokat Diaboli spielen.
Man könnte durchaus der Meinung sein, dass Kunst in diesem Fall durch die ungeheure Masse an OZ Zeichen und die Reaktionen darauf entsteht. Durch die aufgeregte Resonanz der Medien entsteht eine Art Rückkopplung, die wiederum OZ motiviert neue Zeichen zu versprühen, welche dann in eine fast die ganze Stadt ergreifende Hysterie mündet usw usf. Auf diese Weise stößt OZ eine Diskussion auf vielen gesellschaftlichen Ebenen an, die dazu führt, dass sich Lager bilden die sich bald spinne feind sind. Ungeheuerliches geschieht also, weil dieser Mensch, sofern er nicht im Knast sitzt, unbeirrbar des Nachts durch die Straßen der Metropole zieht und durch sein penetrantes Handeln ein sozialpolitisches Etwas entsteht, was man deshalb mit einer gewissen Berechtigung durchaus als Kunst bezeichnen kann.

Im übrigen, OZ sprüht mittlerweile nicht nur simple Zeichen, sondern versucht sich in verschiedenartiger Malereien: Siehe hier: http://ozm.tv/onezeromore/

Wie heißt es noch: Kunst, die jeder mag, kann keine sein.

Es grüßt euch
Djark


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 Betreff des Beitrags: Re: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: Mo 31 Okt, 2011 09:33 
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In der Kunstbetrachtung spielt der Wiedererkennungswert ein grosse Rolle.
Was wäre Mozart, wenn an nicht nach kurzer Zeit die Musik von ihm von jener
von Albrechtsberger und Salieri unterscheiden könnte. Das macht das Genius dann aus.

Zu behaupten, dass das Gekleckse (etwas böse :-) ) von OZ deshalb Kunst ist, weil man
es erkennt ist dann doch mutig :-).
Nur weil etwas verboten ist, ist der Anlass trotzdem noch keine Kunst oder
künstlerische Veranstaltung. Als Beispiel die Botellon, klar verboten - auch keine Kunst.
http://www.botellon.ch/
Sondern ein geplantes Riesenbesäufnis.

Ich versuche ab und an den Bereich des Happenings in den Bereich der Kunst zu ziehen.
Da gibt es ja viele dieser. Spannende und weniger . .

Heiner

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 Betreff des Beitrags: Re: Eure Meinung zu OZ und seine (Kunst?) Werke?
BeitragVerfasst: So 06 Nov, 2011 11:59 
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Schade dass sich hier so wenige an der Diskussion beteiligen. Ist doch ein spannendes Thema! Also, ich finde, die Zeichen von Oz sind sind in vielen Fällen schon eine Art Kunst, die ich als minimalistische Streetart bezeichnen würde. Ich war auch einmal in Hamburg zu Besuch und habe die Sprühereien von ihm gesehen, und ich muss sagen, dass ich einige Male sogar davon angetan war, wie er sie auf bestimmte Gegenständen platziert hatte und diese auf eine witzige Weise neu wahrgenommen wurden. Wenn das keine Kunst ist?! Und im übrigen, auch gekleckse wird in vielen Fällen doch als Kunst bezeichnet, ganz zu schweigen von Bildern die nur eine leere Leinwand zeigen.


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